WEINGUT IMMICH-BATTERIEBERG

Dorit Schmitt • 27. Juni 2026

Artikel aus der Juni-Ausgabe 2026

Wie geht es eigentlich weiter mit dem Weinbau an den Steillagen der Mosel? In Zeiten von rückläufigem Konsum und Zurückhaltung beim Geldausgeben? Welche Strategie kann helfen, den Weingenuss wieder anzukurbeln und das Glas Wein wieder gesellschaftsfähiger zu machen? Diese und andere Fragen habe ich Gernot Kollmann, Betriebsleiter und Önologe des Weinguts Immich-Batterieberg, gestellt.


Die Mosel gilt als Inbegriff einer märchenhaften Flusslandschaft. Jahr für Jahr zieht das romantische Tal Besucher an, die genau diesen Zauber erleben wollen. Malerische Orte schmiegen sich in die Täler, während hoch oben auf den steilen Hängen Burgen und Schlösser thronen. Die von Reben durchzogenen Steillagen prägen das Bild der Region und bieten zu jeder Jahreszeit einen faszinierenden Anblick. Doch wie lange noch? Ich spreche mit Gernot Kollmann, den Betriebsleiter und Önologen des renommierten Moselweinguts Immich-Batterieberg.


Verlust von Rebflächen nimmt stark zu

Ende 2024 umfasste das Weinbaugebiet entlang der Mosel – vom saarländischen Perl im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und Luxemburg bis zur Mündung in den Rhein bei Koblenz – rund 8.440 ha. Bereits ein Jahr später waren es nur noch 8.287 ha, ein Rückgang von über 150 ha. Angesichts einer durchschnittlichen Betriebsgröße von etwa 3,5 Hektar wird deutlich, wie gravierend dieser Verlust tatsächlich ist. „Die bedrohtesten Flächen sind derzeit die Extremsteillagen ohne Wegezugang, da die Leute einfach hinten und vorne nicht genügend Geld zur Bewirtschaftung dieser Flächen kriegen“, erklärt mir Gernot. „Dabei sind es nur noch 4 bis 5 Prozent der Weinlagen an der Mosel, die wirklich in diesen Kletterbereichen von gut 45 Grad liegen“.


Vom Aufbruch zur Ernüchterung

Dabei galten die Steilhänge an der Mosel lange Zeit als Sehnsuchtsort junger ambitionierter Winzer, die sich in den deutschen Rielsling verliebt hatten. Noch vor 15 Jahren kamen Quereinsteiger aus aller Welt an die Mosel, um brachliegende Steillagen wiederzubeleben. Sie alle einte der Wunsch, aus dem speziellen Terroir ihren eigenen Riesling zu erschaffen.


Und heute? Jahre später müssen viele von ihnen ihren Traum aufzugeben. Doch nicht nur Neueinsteiger mussten ihren Traum aufgeben, auch alteingesessene Betriebe, wollten und konnten ihre Rebflächen nicht mehr weiter bewirtschaften.

Parzellen unter einem Hektar lassen sich im Nebenerwerb kaum noch wirtschaftlich betreiben. Die Arbeit in den Steilhängen ist nicht nur aufwendig und teuer, sondern auch mit Risiken verbunden. „Während in flachen Lagen für einen Hektar etwa 200 bis 250 Arbeitsstunden anfallen, sind es in den Steil– und Steilstlagen schon 800 oder mehr”, erklärt Gernot Kollmann, Betriebsleiter und Önologe des Weinguts Immich-Batterieberg. Angesichts steigender Kosten ist das für viele Betriebe kaum noch tragbar. Schließlich treiben diese Kosten auch den Flaschenpreis in die Höhe, der verlangt werden müsste, um kostendeckend zu arbeiten.


Handarbeit für Schwindelfreie

Ab einer Hangneigung von mehr als 40 Grad und keinem Wegezugang geht nichts mehr maschinell – hier regiert die reine Handarbeit. Jeder einzelne Rebstock verlangt nach individueller Zuwendung, und das spiegelt sich unweigerlich in den Kosten wider. Wer sich in diese steilen Hänge begibt, braucht einen sicheren Tritt und sollte schwindelfrei sein. Der Weg in die Steillage begleitet einen Winzer das ganze Jahr: vom präzisen Rebschnitt im Winter über das Binden und Biegen im Frühjahr, das sorgfältige Ausbrechen unerwünschter Triebe im späten Frühling bis hin zur aufwendigen Laubarbeit und Ertragsregulierung im Sommer. Im Herbst schließlich die Lese, bei der jede Traube von Hand abgeerntet wird. Nur beim Pflanzenschutz hält die Moderne Einzug und die Winzer unterstützen – hier dürfen Drohnen in den Steillagen die Arbeit übernehmen. Bei all den Mühen ist die Arbeit zwischen den Rebzeilen im Steilhang ist ebenso anspruchsvoll wie spektakulär!


„Der Fassweinmarkt ist im Eimer“

Die aufwendige Handarbeit und das besondere Mikroklima der zum Fluss geneigten Hänge lassen große, charakterstarke Weine entstehen – doch diese Qualität hat nun einmal ihren Preis. Gleichzeitig wurde der Markt schwieriger: Bei vielen Konsumenten sitzt das Geld nicht mehr so locker, und bei den Weintrinkern ist seit Jahren ein rückläufiger Konusm festzustellen.


Gernot Kollmann sieht gerade im Weinbau in den Steil- und Steilstlagen eine Chance. „Der Fassweinmarkt ist im Eimer“, sagt er unverblümt. „Die Preise dafür sind im Keller und die Unsicherheit groß, ob sich die Ware überhaupt noch absetzen lässt“. 

Zunehmend würden selbst Winzer mit klangvollen Lagen aufgeben. Parzellen in den Steilhängen seien daher so erschwinglich wie lange nicht mehr. Doch der vermeintliche Vorteil hat eine Kehrseite: Wer hier investiert, muss nicht nur Weine von Format erzeugen, sondern auch dafür sorgen, dass er am Markt seinen Platz findet. Denn sonst bleibt bei all der Leidenschaft für den Weinbau schnell kein Geld mehr zum Leben übrig.


Strategien zur Sicherung der Steillagen

Seit dem Neustart des Weinguts Immich-Batterieberg im Jahr 2009 unter der Leitung von Gernot hat sich die bewirtschaftete Rebfläche eindrucksvoll von 6,9 auf rund 17 ha erweitert. Inmitten der aktuellen Krise nutzte das Gut seine gefestigte Position, um aufgegebene Parzellen zu übernehmen und damit ein Stück gewachsener Kulturlandschaft zu bewahren. Dies habe sich unter den Winzern schnell herumgesprochen, doch man habe längst nicht alles auffangen können, so Gernot. Zuletzt gelang es immerhin, einige wertvolle Weinberge im benachbarten Tal zu „retten“: Teile des „Briedeler Herzchens“, einer spektakulären, steilen, flurbereinigten Südostlage, deren grauer und roter Schiefer den Weinen eine unverwechselbare Handschrift verleiht. „Diese Lagen waren für uns attraktiv, weil wir dadurch sehr gute Weinberge in Steillage haben, aber mit erheblich geringeren Bewirtschaftungskosten. Somit ist das ‚Briedeler Herzchen‘ unsere ‚preiswerteste‘ Einzellage“, sagt Gernot.


Ein Leben für den Mosel-Riesling

Wenn Gernot über die Mosel spricht, klingt schnell durch, dass es für ihn nie eine zufällige Entscheidung war, hier Wein zu machen. Schon Ende der 1980er-Jahre kam er erstmals mit der Region in Berührung – und war sofort fasziniert. „Ich habe die Mosel von Anfang an immer als das interessanteste deutsche Weinbaugebiet empfunden“, sagt er. Vor allem der unverwechselbare Ausdruck der Weine habe ihn nachhaltig beeindruckt. „Dieser Charakter der Moselweine hat mich damals einfach am meisten geflasht.“


Besonders prägend für die Region sind ihre spektakulären Steillagen – jene oft extrem schwer zu bewirtschaftenden Weinberge, die die Mosel weltweit berühmt gemacht haben. Für Gernot liegt ihre Besonderheit in einem Zusammenspiel aus Klima, Ausrichtung und Bodenbeschaffenheit. Die Hänge reichen von Südost- bis Südsüdwestlage und bieten damit ideale Voraussetzungen für hochklassige Rieslinge. Selbst im Zuge des Klimawandels entstehen in den historischen Spitzenlagen der Mosel nach wie vor in den meisten Jahren die aromatischsten und komplexesten Weine.


Hinzu kommt ein zweiter Faktor: die kargen, steinigen Böden. Durch jahrhundertelange Erosion haben viele Steillagen ihre feinen Erdanteile verloren, sodass die teilweise sehr alten Rebstöcke heute fast ausschließlich auf Schiefer und Gestein wurzeln. Genau diese Kombination aus extremen Bedingungen, mineralischen Böden und dem besonderen Moselklima mache die Weine so einzigartig. Für Gernot steht fest: „Solche Rieslinge sind weltweit nicht kopierbar.“


Dennoch: Hart verdientes Geld

Doch so faszinierend die Steillagen sind, so schwierig ist ihre Erhaltung. Viele Winzer geben auf, weil sich die aufwendige Bewirtschaftung kaum noch rechnet. Dass der Staat den Steillagenweinbau retten könne, glaubt Gernot nicht – auch wenn bereits Förderungen etwa für die Erhaltung der Trockenmauern oder spezielle Steillagenprogramme existieren. Entscheidend sei letztlich, dass die Weine am Markt funktionieren und kostendeckend verkauft werden können.


Für ihn funktioniert das nur über eine klare Mischkalkulation zwischen Spitzenweinen und zugänglicheren Qualitäten. Während die großen Lagen wie Ellergrub, Zeppwinger, Batterieberg oder Zollturm Flaschenpreise von rund 50 Euro brutto im Verkauf erzielen müssen, um wirtschaftlich tragfähig zu sein, bildet der Ortswein „Escheburg“ ein wichtiges Fundament im Alltag. Durch diese Balance aus „Grand Cru“ und „Village“ lasse sich ein Preis im mittleren Segment von etwa 15 bis 16 Euro netto/ex works ab Weingut erreichen – und selbst das, so Gernot, sei bereits die absolute Untergrenze.


Denn bei der Preisgestaltung dürfe man zwei entscheidende Faktoren nicht ausblenden: den enormen Arbeitsaufwand in den Steil- und Steilstlagen und die gleichzeitig sehr geringen Erträge. „Nicht nur die vielen Arbeitsstunden spielen eine Rolle“, sagt Gernot, „sondern eben auch die kleinen Erntemengen, die die Preise pro Liter massiv erhöhen.“ Genau darin liegt das Dilemma des Steillagenweinbaus: Er bringt einige der faszinierendsten Weine der Welt hervor – aber zu Bedingungen, die wirtschaftlich kaum Spielraum lassen.


Nicht alle wollen so weitermachen

Dass viele Steillagenbetriebe wirtschaftlich unter Druck stehen, liegt für Gernot allerdings nicht daran, dass Winzer ihre Zahlen nicht kennen würden. Das eigentliche Problem sieht er vielmehr in der fehlenden Marktdurchsetzung höherer Preise. „Die Winzer haben nicht vergessen, ihre Preise anzupassen“, sagt er. „Der Markt gibt diese Preise einfach oft nicht her.“


Gerade an der Mosel seien die Betriebe auf Absatzmittler wie Einzel- und Großhändler angewiesen. Zwar verfügen kleinere Weingüter häufig über einen vergleichsweise hohen Anteil an Privatkunden – ein Vorteil, den viele größere Betriebe in dieser Form nicht haben. Doch sobald größere Mengen verkauft werden müssen, stoße dieses Modell schnell an seine Grenzen. Hinzu komme der enorme Wettbewerb innerhalb Deutschlands: Rund 15.000 Betriebe produzieren hierzulande Riesling, dem gegenüber stünden lediglich etwa 300 „ernstzunehmende“ Weinhändler. Für viele Winzer bedeutet das einen harten Kampf um Sichtbarkeit und Marktanteile.


Chancen für den Neuanfang

Trotzdem sieht Gernot durchaus Chancen für junge Menschen, die heute an der Mosel mit Weinbau beginnen wollen. Gerade in den vergangenen Jahren seien zahlreiche kleinere Betriebe entstanden, viele davon geprägt von der Naturweinbewegung. „Die beißen sich halt so durch“, sagt er nüchtern. Wirtschaftlich sei das in der Anfangszeit oft ein Leben nahe am Existenzminimum. In den ersten Jahren könne man eben meist kaum Geld aus dem Betrieb entnehmen.


Entscheidend sei deshalb vor allem, die richtige Betriebsgröße zu finden. Wer sich heute bewusst auf Steillagen konzentrieren wolle, fahre betriebswirtschaftlich oft besser damit, klein zu bleiben und möglichst viele Arbeiten selbst zu übernehmen. Wachstum allein sei keineswegs automatisch ein Garant für höhere Gewinne – im Gegenteil. „Oft hat sich gezeigt, dass mit dem Größenwachstum der Gewinn für den Winzer nicht automatisch mitgewachsen ist“, erklärt Gernot.


Im eigenen Betrieb spiele Größe dennoch eine wichtige Rolle, ergänzt er. Anders als viele kleine Familienweingüter beschäftigt das Weingut nur sozialversicherungspflichtig angestellte Mitarbeiter. Damit verändern sich auch die wirtschaftlichen Aspekte – und die Notwendigkeit, eine gewisse Betriebsgröße dauerhaft tragen zu können.


Grundsätzlich mangelt es für potenzielle Neueinsteiger keineswegs an Gelegenheiten. Gerade moselabwärts zwischen Zell und Kobern-Gondorf gebe es so viele tolle Weinbergslagen, die aber „kaum ein Schwein kenne“ und die nur darauf warten, wieder bewirtschaftet zu werden. Für Gernot steckt darin eine große Chance für die nächste Generation von Winzern, die sich mit Leidenschaft um die steilen Weinparzellen an der Mosel kümmern. „Die Lagen selbst kosten ja fast nix. Das ist nicht das Problem, sondern die Produktionskosten sind entscheidend. Die Pullen müssen letztendlich verkauft werden“, sagt Gernot. Dabei sei alles vorhanden – Keller und Gebäude – und man brauchte, um hochwertige Weine zu machen, im Grunde wenig Technik.


Klappt der direkte Weinverkauf?

Gleichzeitig hat sich das Kaufverhalten der Besucher grundlegend verändert. Es ist längst nicht mehr wie vor 30 Jahren, als die Leute ihren Kofferraum beim Stammwinzer vollgeladen haben. „Die meisten haben heute nicht mehr nur einen Stammwinzer“, erklärt Gernot. Stattdessen lagerten nun in den heimischen Kellern Weine von vielen verschiedenen Betrieben. Selbst Winzer, die Ferienwohnungen vermieten und somit direkten Kontakt zu Gästen haben, berichten inzwischen, dass sie den Verkauf eines einzelnen Sechserkartons bereits als Erfolg werten. An den touristischen Hotspots entlang der Mosel funktioniert der Direktverkauf nach wie vor vergleichsweise gut. Vor allem in Orten wie Bernkastel-Kues werde weiterhin viel Wein umgesetzt – sowohl in etablierten Weinläden als auch an einzelnen Winzerverkaufsstellen. Doch Gernot sieht darin zugleich eine natürliche Grenze: „Es können ja nicht alle Winzer in der Innenstadt von Bernkastel-Kues verkaufen.“


Die strukturelle Herausforderung liege vor allem in der Größe und Vielfalt der Region. Die deutsche Mosel erstreckt sich über rund 240 Kilometer, nahezu entlang der gesamten Strecke wird Wein angebaut. Während bekannte Orte stark vom Tourismus profitieren, wird es für abgelegenere Dörfer zunehmend schwieriger, Besucher überhaupt noch direkt auf die Höfe zu bringen. Besonders sichtbar werde das im Bustourismus. Cochem stehe dabei eher für den günstigen Massentourismus, Bernkastel-Kues ziehe bereits ein etwas hochwertigeres Publikum an. Traben-Trarbach wiederum verzeichne zwar deutlich weniger Reisebusse, verfüge dafür aber über die qualitativ anspruchsvollste Gastronomieszene der Region. „Der Tourismus ist in der Summe natürlich in vielerei Hinsicht extrem wichtig für die Mosel. So hält er auch die ganzen guten Restaurants aufrecht. Und über den Tourismus wird schon auch Wein verkauft“, betont Gernot. Aber für die Betriebe sei das längst nicht mehr die einzige Lösung.


Kurbeln Social Media und Onlineshops den Weinverkauf an?

„Das macht ja jeder. Wir sehen das ja an uns selbst. Trotz unserer inzwischen erreichten Bekanntheit macht der Onlineshop gerade einmal ein Prozent des Umsatzes aus“, sagt Gernot. Natürlich könne man noch mehr investieren. Entscheidend sei aber doch immer die Frage, wie viel zusätzlicher Umsatz sich mit jedem weiteren investierten Euro tatsächlich erzielen lasse. Der digitale Markt sei mittlerweile von ähnlichen Angeboten überflutet. Sichtbarkeit koste Geld und Aufmerksamkeit werde immer knapper. Viel zufriedener sei man mit den Weinproben vor Ort. Gernot übernimmt hier fast alle Termine – was aber bedeutet, dass oft auch die Wochenenden voller Arbeit stecken. Nur die Sonntage hält er sich gerne frei – obwohl das bei einigen Anfragen schon auf völliges Unverständnis stoße, wenn am Sonntag keine Weinproben stattfinden.


Weltweit wird weniger Wein getrunken

Die Gründe sind vielschichtig. Doch wie kann speziell in Deutschland die Lust auf Wein wieder angekurbelt werden? Gernot hat sich dazu einige Gedanken gemacht. Ein zentrales Thema für ihn ist, dass die geburtenstarken Jahrgänge – zu denen er als 68er schließlich auch gehört – langsam anfangen, weniger Wein zu trinken. Das sei ein ganz natürlicher Vorgang, schließlich würden ab Mitte 50 nicht mehr so viele Pullen Wein pro Woche getrunken. „Was wir brauchen sind letztendlich junge ambitionierte Weininteressierte. Und die gibt es ja auch. Das sehe ich an den Veranstaltungen, die wir irgendwo machen“, sagt Gernot. Diese müsse man eben nur für sich gewinnen. 


In Berlin gelingt das ganz gut: Hier kann Immich-Batterieberg in den vergangenen zwei Jahren – entgegen dem Trend – von wachsenden Umsätzen berichten. Allerdings betont Gernot auch, dass es sich um einen reinen Verdrängungsmarkt handelt. „Jede Flasche, die du verkaufst, fällt einem anderen aus dem Regal runter. Die Regalfläche steigt nicht. Wirst du eingelistet, wird ein anderer dafür ausgelistet.“


Um wieder Lust auf das Glas Wein zu fördern, müssen soziale Aspekte bedacht werden. Dazu zählen schöne Plätze, an denen man sich wohlfühlt, gute Veranstaltungen, Weinbars mit einem gewissen Spirit, die Weinhandlung mit der persönlichen Bindung. Außerdem interessieren sich jüngere Weintrinker für das Handwerk und die Nachhaltigkeit, die sie auch hinterfragen. Gernot kann dem Begriff „Nachhaltigkeit“ nicht wirklich viel abgewinnen. Für ihn ist das Wort mittlerweile ein „Wischiwaschi“, ein dehnbarer Begriff. Jeder macht gerade etwas „Nachhaltiges“, ohne dabei konkret zu werden.


Der „natural“ Bereich ist gerade stabiler als der konventionelle Bereich beim Weinkonsum, betont Gernot. Echte Hotspots seien hier bestimmte Plätze wie Berlin, Brooklyn oder Kopenhagen.


Der Begriff „gastronomischer Wein“

„Ich habe mich schon immer sehr für Essen und die Kombination mit Wein interessiert“, sagt er. Genau daraus habe sich der Stil seiner Weine entwickelt. Wenn Gernot von „gastronomischen Weinen“ spricht, dann gehören für ihn Essen und Wein beim Genuss untrennbar zusammen. „Unsere Weine funktionieren einfach sehr gut zum Essen. Sie sind nicht sonderlich reduktiv und nicht so primärfruchtig. Das ist für mich immer auch ein schöner Aspekt bei der Essenskombination, gerade, wenn Leute jüngere Weine einsetzen.“


Reife Moselweine hingegen hätten schon immer perfekt funktioniert, vor allem die 15 bis 20 Jahre alten Rieslinge. „Da unsere Weine immer leicht reduktiv sind, haben sie bereits in jungen Jahren eine dichte, hintergründige Fruchtstruktur. Dabei zeichnet sie eine lebendige, aber nicht grüne Säure aus“, betont Gernot. All das zusammen mache aus seinen Rieslingen die geborenen Essensbegleiter. Ob die Weintrinker bei ihrer Auswahl alles so sophisticated hinterfragen, glaubt Gernot nicht. Im Gegenteil, er stellt derzeit eine „Entnerdifizierung“ fest. Die Generation, die vor 15 Jahren anfing, Wein zu trinken, war viel nerdiger. Für eine gute Rezension seien Kenntnisse allerdings schon hilfreich. Heute beobachtet er einen viel entspannteren Umgang mit Wein. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits haben die Leute heute den Wunsch nach einem „einfachen“ Zugang, andererseits fehlen ihnen oft die Kenntnisse.


Der Umgang mit Wein hat sich verändert

Gernot sagt selbst über sich, er ist ganz oft genervt, dass er in Wejnkarten und auch auf auf Weinflaschen ganz häufig nicht mehr lesen kann, woher der Wein eigentlich kommt. Ein immer größeres Weinsegment werde nur noch als „Deutscher Wein“, „Vin de France“ etc. angeboten – ohne Herkunftsangaben, „weil man eben keine Anmeldung mehr in der Appellation macht“. Für ihn hingegen sei eine Region bei der Auswahl nach wie vor das erste Kriterium, gefolgt vom Jahrgang, weil er sich damit natürlich gut auskenne – und das für den Geschmack auch extrem wichtig ist. 


Er stellt aber gleichzeitig fest, dass das in der ganz jungen Szene gar nicht mehr das Thema ist. Da rücke die Region etwas in den Hintergrund, der Einzelbetrieb hingegen, über den man etwas mehr weiß, rückt dafür in den Vordergrund. 

Heute spiele die Region als Anker für ein gewisses Preisniveau kaum noch eine Rolle. Außer vielleicht noch in der Champagne, dem Burgund und Teilen der nördlichen Rhône. Für alle anderen sei es hoch Individualisiert, was die Durchsetzungskraft des eigenen Betriebes, die Vermarktung und die Preise betrifft.


Wo trinkst Du gerne ein Glas Wein?

Bei dieser Frage muss Gernot lachen. „Ich trinke natürlich sowohl zu Hause als auch in der Gastronomie. Wahrscheinlich öfter in der Gastronomie, ich bin einfach oft essen – auch mit Kunden“.

Wenn Gernot unterwegs ist, geht er gerne auch mal „Sterne essen“, für das alltägliche Wohlfühlen sucht er aber nach Restaurants mit einer tollen Weinkarte. Denn er will, wenn er ausgeht, vor allem spannende Weine entdecken, die er noch nicht kennt. Erst an zweiter Stelle kommt das Essen. Gernot bringt es auf den Punkt: In einer guten Weinbar darf das Essen gerne „down to earth“ sein, bei den Weinflaschen schaut er dann aber nicht so auf den Preis. Es brauche auch keinen besonderen Anlass, um sich eine sehr teure Flasche zu gönnen. Dabei liebt er den unkomplizierten Zugang. Selbst wenn er allein unterwegs ist, bestellt Gernot lieber eine Flasche. Schließlich sind immer Leute in der Bar, denen er mal ein Glas abgibt. Manchmal wird ihm auch ein Glas zum Probieren vorbeigebracht. „Aber glasweise findet sonst in meinem Umfeld nicht statt. Oder höchstens mal zum Apéro“, sagt er und muss selbst lachen. Außerdem ist schließlich jede verkaufte Flasche für den Winzer eine gute Flasche. ds/04-2026


Zum PDF der gesamten Juni-Ausgabe

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