INTERVIEW MIT CHRISTIAN NETT
Alkoholfreie Weine sind gekommen, um zu bleiben

Alkoholfreier Wein emanzipiert sich
Es gibt Menschen, deren Weg man über viele Jahre begleiten darf. Christian Nett gehört für mich dazu. Ich erinnere mich noch gut an die Verkostungen im alten Hof des ursprünglichen Weinguts in Duttweiler, lange bevor Christian und seine Frau Katja den mutigen Schritt wagten, am Dorfrand ihr modernes, architektonisch beeindruckendes Weingut zu errichten. Über all die Jahre ist vor allem eines geblieben: die Neugier, neue Wege zu gehen, ohne die eigenen Wurzeln aus den Augen zu verlieren.
Genau diese Haltung zeigt sich auch in seinem Engagement für alkoholfreie Weine. Die Trauben wachsen nach wie vor in den eigenen Weinbergen rund um Duttweiler und werden zunächst auf klassische Weise zu Wein ausgebaut. Erst anschließend übernimmt ein spezialisierter Dienstleister die Entalkoholisierung – und zwar mit einem aromaschonenden Verfahren, das erst seit wenigen Jahren eine Qualität ermöglicht, von der selbst anspruchsvolle Winzer wie Christian Nett überzeugt sind. Im Mai 2022 startete er mit gerade einmal drei entalkoholisierten Weinen. Heute umfasst das Sortiment bereits zwölf verschiedene Weine – ein deutliches Zeichen dafür, dass alkoholfreier Weingenuss längst mehr ist als ein kurzfristiger Trend.
Zeit also, mit Christian Nett über Qualität, Pioniergeist und die Frage zu sprechen, wie viel Wein in einem Wein ohne Alkohol steckt.
Aromenspiele: Christian, du zählst heute mit deinen alkoholfreien Weinen im Premiumsegment zu den Pionieren. Wie ist es denn eigentlich dazu gekommen, dass du dich schon so früh diesem Thema gewidmet hast?
Christian Nett: Das war tatsächlich so eine Art Bessermacher-Mentalität. 2018 hatten wir zwei schwangere Mitarbeiterinnen, die zu unserem Herbstabschlussfest alkoholfreien Wein mitbrachten, damit sie mit uns trinken konnten. Am Ende saßen wir alle vor den Gläsern, probierten und dachten: „Das kann doch noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.“ Das muss besser gehen.“
2018 war außerdem ein sehr guter Jahrgang, sowohl qualitativ als auch mengenmäßig in unseren Parzellen. Also habe ich angefangen zu recherchieren und mir gefühlt jede alkoholfreie Weinprobe gekauft, die ich finden konnte. Ich wollte einen Wein finden, bei dem ich denke: Mensch, der ist richtig gut. Da werde ich den Kollegen mal fragen, wie er das gemacht hat. Aber diesen Wein habe ich damals einfach nicht gefunden.
Aromenspiele: Nach was hast du gesucht, um mit einem alkoholfreien Wein, den du produzieren willst, glücklich zu sein?
Christian Nett: Das Thema verschwand zunächst wieder in der Schublade, bis sich Ende 2021 Frédéric Chouquet-Stringer von „Alkoholfrei für Winzer“ bei mir meldete. Ich war skeptisch, weil mich bis dahin kein alkoholfreier Wein wirklich überzeugt hatte. Die Proben, die er mitbrachte, bestätigten diesen Eindruck.
Dann erzählte mir Frédéric von dem Münchner Start-up FlavoLogic. Dort konnten wir kleine Mengen unseres eigenen Weins entalkoholisieren und verschiedene Varianten testen. Genau das hatte mir bislang gefehlt. Ich wollte selbst Einfluss darauf nehmen, wie der Wein am Ende schmeckt – von Restzucker und Aromatik bis zum Einfluss eines Holzfassausbaus.
Also wagten wir den Versuch und schickten sechs Weine nach München. Das war mit rund 1.000 Euro pro Probe kein günstiges Experiment, sondern eine Investition in unsere eigene Weiterbildung.
Anfang 2022 kamen die Muster zurück und wir organisierten eine kleine Verkostung. Selbst mein Vater, der alkoholfreiem Wein sehr kritisch gegenüberstand, war positiv überrascht. Schon beim ersten Sauvignon Blanc hatten wir das Gefühl: So muss alkoholfreier Wein schmecken! Der Wein roch und schmeckte wie unser Grundwein.
Damit war die Entscheidung gefallen. Zur ProWein 2022 präsentierten wir unsere ersten drei entalkoholisierten Weine: Riesling, Sauvignon Blanc und Weißburgunder, der heute als Pinot Bianco bekannt ist.
Aromenspiele: An die ProWein vor einigen Jahren kann ich mich auch noch gut erinnern. Ich habe damals meine Freundin Christina Hilker an euren Stand gebracht, um diese „neuen” alkoholfreien Weine zu verkosten. Wie ging es nach der Messe weiter?
Christian Nett: Die Resonanz war überwältigend – nach der Messe waren wir praktisch ausverkauft. Rosé- und Rotwein haben wir bewusst erst später auf den Markt gebracht. Die ersten Versuche hatten uns noch nicht überzeugt. Inzwischen wussten wir aber, an welchen Stellschrauben wir im Weinberg und im Keller drehen mussten. Wie so oft im Weinbau gilt: Was man heute lernt, kann man im nächsten Jahr besser machen.
Mittlerweile umfasst unser Sortiment zwölf entalkoholisierte Weine, darunter Riesling, Gewürztraminer, Orange Wine sowie im Holzfass ausgebauter Pinot Bianco und Merlot. Und genau das macht für mich den Reiz aus. Wir entwickeln die Weine Jahr für Jahr weiter. Im letzten Jahr haben wir unsere Reihe mit dem Chardonnay Grand Gold, der zu einem Drittel im Steinfass, zu einem Drittel im Stahlfass und zu einem Drittel im Holzfass ausgebaut wurde, und dem Orange Wine abgerundet.
Aromenspiele: Du verfolgst einen konsequenten Ansatz vom Weinberg bis in die Flasche – das gilt insbesondere auch für deine alkoholfreien Weine. Ist das sozusagen deine Mission für eine höhere Qualität?
Christian Nett: Ja, genau das war von Anfang an meine einzige Mission. Ausgelöst wurde sie damals bei unserem Herbstabschlussfest: Ich wollte einen alkoholfreien Wein, der wirklich nach Wein schmeckt. Einen Wein, bei dem man sofort erkennt: Das ist Riesling, das ist Sauvignon Blanc oder das ist Muskateller.
Er darf nicht diesen typischen Entalkoholisierungston haben. Und wenn er ihn doch hat, möchte ich ihn auch nicht mit künstlichen Aromen oder irgendwelchen Infusionen überdecken. Mein Ziel ist vielmehr, die Traube so, wie sie draußen am Rebstock wächst, möglichst unverfälscht ins Glas zu bringen. Entscheidend ist, dass Herkunft, Rebsorte und Charakter erhalten bleiben – mit oder ohne Alkohol. Ich bin kein Freund davon, fehlende Aromen mit Ingwer, Hibiskus oder anderen Zusätzen zu kaschieren. Ich bin Winzer und Weinmacher. Meine Aufgabe ist es, Chardonnay, Riesling oder Gewürztraminer ins Glas zu bringen – und nicht Streuobstwiesen oder Gewürzgärten.
Zudem muss man einem entalkoholisierten Wein dieselbe Entwicklung zugestehen wie einem klassischen Wein. Auch hier gibt es Reife, Erfahrung und kontinuierliche Verbesserung.
Aromenspiele: Hast du die Technik gefunden, alkoholfreie Weine so zu machen, dass sie deinen Vorstellungen entsprechen?
Christian Nett: Ich habe gar nicht nach einer bestimmten Technik gesucht. Mir war nur klar, dass es damals keine gab, mit der ich die Qualität erreichen konnte, die ich mir vorgestellt habe. Heute gibt es sie – und das Spannende ist, dass wir sie gemeinsam mit jedem Jahrgang weiterentwickeln.
Natürlich lerne ich als Winzer jedes Jahr dazu. Aber genauso sammelt auch das Team an der Entalkoholisierungsanlage mit jeder Charge neue Erfahrungen. Es geht um viele kleine Stellschrauben: Welche Temperatur ist für einen Gewürztraminer ideal, welche für einen Merlot? Wie lange sollte destilliert werden? Wie lassen sich die Aromen noch besser zurückgewinnen? Das ist ein permanenter Lernprozess.
Ich vergleiche das gerne mit einem Fahranfänger und jemandem, der seit 30 Jahren Auto fährt. Die Technik ist dieselbe, aber die Erfahrung macht den Unterschied. Mit jeder Charge versteht man besser, welche Einstellungen für welche Rebsorte optimal sind.
Gerade in diesem Jahr habe ich noch einmal einen deutlichen Qualitätssprung wahrgenommen. Dabei haben wir an den Weinen selbst gar nicht so viel verändert – die Lagen, die Fässer und die Arbeitsweise sind im Grunde dieselben. Umso spannender ist es, wenn ich dort anrufe und frage: „Habt ihr irgendetwas verändert? Das ist ja richtig gut geworden.“ Daran merkt man, welches Potenzial in der Weiterentwicklung des Verfahrens steckt.
Aromenspiele: Deine alkoholfreien Weine finden bei Wettbewerben immer mehr Beachtung und werden ausgezeichnet. Welche Wettbewerbe sind für dich wichtig? Worauf achten die Leute?
Christian Nett: Heute gibt es viel mehr seriöse Wettbewerbe für alkoholfreie Weine. Das freut mich, weil sich jetzt auch etablierte Namen wie Mundus Vini oder Falstaff intensiv mit dem Thema beschäftigen. Diese Wettbewerbe kennen sowohl Winzer als auch Verbraucher und sie vertrauen ihnen.
Vor einigen Jahren war das noch anders. Damals wurden häufig ganz unterschiedliche Produkte gemeinsam verkostet: aromatisierte Getränke, Fruchtsaftmischungen und entalkoholisierte Weine. Das machte einen fairen Vergleich nahezu unmöglich. Wenn man gerade noch ein stark aromatisiertes Getränk im Glas hatte, ist es schwierig, direkt im Anschluss einen filigranen Riesling objektiv zu beurteilen.
Aromenspiele: Werden alkoholfreie und klassische Weine immer noch verglichen?
Christia Nett: Vergleiche kommen immer wieder auf. Meine Gegenfrage lautet dann: Mit welchem Riesling denn? Ein Gutsriesling, ein Großes Gewächs, eine Spätlese oder ein Riesling-Sekt haben völlig unterschiedliche Charaktere. Warum sollte ein alkoholfreier Riesling also nur mit einem bestimmten Stil verglichen werden?
Ich sehe alkoholfreie Weine deshalb nicht als Ersatz, sondern als zusätzliche Möglichkeit. Je nach Anlass greife ich zum Riesling-Sekt, zur Spätlese oder eben – an einem Dienstagmittag um halb zwei – zu einem alkoholfreien Riesling. Es geht nicht darum, klassischen Wein zu ersetzen, sondern das Angebot sinnvoll zu erweitern.
Manche Rebsorten lassen sich dabei leichter abbilden als andere. Unser alkoholfreier Gewürztraminer kommt dem klassischen Vorbild sehr nahe, weil sein Aromenspektrum mit Rosenblüten, Würze und einer feinen Restsüße klar definiert ist. Beim Riesling ist das deutlich anspruchsvoller: Seine Stilistik reicht von knochentrocken bis edelsüß – der Spielraum ist entsprechend viel größer.
Aromenspiele: Kommt es dir heute zugute, dass du dein Sortiment um alkoholfreie Weine ergänzt hast?
Christian Nett: Tatsächlich ist das heute einer unserer größten Pluspunkte und ein echtes Alleinstellungsmerkmal. In einer Zeit, in der viel über die Weinkrise, den Konsumrückgang und die negativen Seiten von Alkohol gesprochen wird, haben wir ein Thema, wegen dem die Menschen ganz bewusst auf uns zukommen. Sie schreiben uns von sich aus, möchten unsere Weine probieren und interessieren sich ehrlich dafür.
Auch auf der ProWein war das deutlich zu spüren. Viele Besucher kamen gezielt in den Bereich der alkoholfreien Weine und sagten: „Hier herrscht irgendwie eine positive Stimmung.“ Während an anderer Stelle oft über schwierige Märkte und sinkende Preise gesprochen wurde, ging es bei uns um Neugier, neue Ideen und Zukunftsperspektiven. Das tut natürlich auch der eigenen Motivation gut.
Trotzdem muss man die Dimensionen realistisch sehen. Alkoholfreie Weine werden die Weinbranche nicht retten – weder heute noch morgen. Dafür ist der Markt noch zu klein. Ich bin jedoch überzeugt, dass er gekommen ist, um zu bleiben. Es ist ein eigenständiges Segment mit großem Potenzial, aber eben kein Allheilmittel. Man füllt nicht einfach morgen einen alkoholfreien Wein ab und hat übermorgen fünf Autos mehr auf dem Hof mit guten Käufern. Auch dieses Geschäft muss man sich Schritt für Schritt aufbauen.
Aromenspiele: Wie kommen alkoholfreie Weine in der Sommelière-Szene und der Gastronomie heute an?
Christian Nett: Die Sommellerie ist heute deutlich aufgeschlossener als noch vor fünf Jahren. Das überrascht mich nicht: Wer lange Zeit überwiegend enttäuschende alkoholfreie Weine probiert hat, war verständlicherweise skeptisch.
Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Auszeichnungen und eine konstant steigende Qualität schaffen Vertrauen. Viele sagen heute: „Vielleicht war das letzte positive Erlebnis kein Zufall – probieren wir noch einmal.“ So öffnet sich die Tür Schritt für Schritt.
Vor allem jüngere Sommeliers gehen unvoreingenommen an das Thema heran. Häufig kommt die Nachfrage direkt aus dem Service, weil Gäste bewusst alkoholfreie Alternativen zur Menübegleitung wünschen. Die größere Hürde liegt oft im Management oder Einkauf. Doch die Nachfrage wächst. Wer alkoholfrei genießt, möchte heute mehr als Wasser, Softdrinks oder 0,0-Bier – nämlich eine hochwertige Getränkebegleitung.
Auch im Fachhandel beobachte ich eine spannende Entwicklung. Viele Kunden suchen gezielt Händler, die alkoholfreie Weine sorgfältig auswählen und verkosten. Diese kuratierte Auswahl schafft Vertrauen und macht den Einstieg deutlich leichter.
Aromenspiele: Kann man im Umgang mit alkoholfreien Weinen auf dem internationalen Parkett einen Unterschierd erkennen?
Christian Nett: In Deutschland entwickelt sich der Markt gut. In Frankreich ist man diesbezüglich bereits weiter und in Skandinavien, vor allem in Finnland, ist die Offenheit für hochwertige alkoholfreie Weine noch größer. Was bislang weitgehend fehlt, ist ein echtes Premiumsegment. Daran arbeiten wir gemeinsam mit anderen Winzern. Unser Ziel ist es, auch alkoholfreien Weinen das mitzugeben, was Weinliebhaber schätzen: Herkunft, Handschrift und Persönlichkeit.
Das ist nicht ganz einfach, da wir auf dem Etikett vieles weinrechtlich gar nicht kommunizieren dürfen. Umso wichtiger ist für mich der Winzer hinter dem Wein. Ich möchte sagen können: Dafür stehe ich mit meinem Namen. Der Wein stammt aus unserem Weingut und unseren Weinbergen und ist kein beliebiges Produkt mit einem schönen Etikett.
In Ländern mit Alkoholmonopol oder hohen Alkoholsteuern wie Finnland oder Belgien ist das Preisverständnis ein anderes. Dort gelten 20, 30 oder 40 Euro für eine gute Flasche Wein als selbstverständlich. Entsprechend werden hochwertige alkoholfreie Weine auch als Premiumprodukte wahrgenommen.
In Deutschland orientieren sich viele Verbraucher hingegen an den Preisen aus dem Supermarkt und fragen, warum ein alkoholfreier Wein so viel kostet. Dabei ist die Grundlage derselbe hochwertige Wein. Hinzu kommen die aufwendige Entalkoholisierung und der Volumenverlust durch den Alkoholentzug. Wirtschaftlich müsste ein hochwertiger alkoholfreier Wein deshalb sogar mehr kosten als sein alkoholhaltiges Pendant. In Märkten wie Finnland oder Belgien fällt es entsprechend leichter, Premiumprodukte zu etablieren. Dort schaffen höhere Preise eher Vertrauen, während sehr günstige alkoholfreie Weine häufig Skepsis auslösen.
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